Nachruf Dr. Hans Würtenberger, Dortmund (27.5.1928 – 13.12.2016)

Hans Würtenberger (geb. 27. Mai 1928) kam nach Schulabschluss und Studium in Innsbruck 1953 nach Bethel und wurde dort unter Prof. von Hasselbach zum Facharzt für Chirurgie ausgebildet. Als beruflicher „Anfänger" leitete er die Kinderstation unter dem Pädiater Prof. Müller. Von diesem stammte auch der Tipp: "Wollen Sie nicht Kinderchirurg werden?" Es folgte 1958 eine Vorstellung bei Prof. Fritz Rehbein in Bremen. Dieser nahm ihn auch mit in den OP und bemerkte beim Hinausgehen: „Ich wollte eigentlich nur sehen, ob Sie mit Ihren Beinen unter den Tisch passen." Offensichtlich passten nicht nur die Beine, am 1. Jan 1959 fing Hans Würtenberger in Bremen an und blieb dort bis August 1966 zuletzt Oberarzt.

In diese Zeit fiel auch die berühmte „200. Ösophagusatresie". Dr. Würtenberger hatte Dienst, Chef Fritz Rehbein wollte aber um jeden Preis gerufen werden; das geschah auch, allerdings verhinderte dichtester Nebel eine Fahrt aus seinem Wochenendhaus in der Nordheide in die Klinik. Nach seiner Bewerbung in Dortmund wurde er – ganz modern – von einer Dortmunder Dreierkommission (Verwaltungsleiter Schmuck, Stadtrat Kauermann und Pädiater Prof. Meyer-zu Hörste) in Augenschein genommen

So gründete Dr. med. Hans Würtenberger, Dortmund im September 1966 die Klinik für Kinderchirurgie in den Städtischen Kliniken Dortmund . Die Einrichtung ging auf einen Beschluss des Rates der Stadt Dortmund aus dem Jahr 1964 zurück.

Mit 37 Jahren kam der Rehbein-Schüler aus Bremen mit einer kleinen, aber feinen „Mannschaft" von OP-und Intensivschwestern nach Dortmund. Zu diesem Zeitpunkt gab es nur eine Kinderchirurgische Klinik in NRW, die „Amsterdamer Strasse" in Köln (Prof. Helbig). Kinder mit Pylorusstenose wurden nach Köln, Neugeborene mit Hirschsprung oder Ösophagusatresie nach Bremen verlegt.

Die Arbeit begann 1966 auf der früheren „Diphtherie-Station" der benachbarten Kinderklinik, wo wenige
Jahre zuvor 2 Tracheotomie-OP-Säle gebaut worden waren. Aus diesen Anfängen wuchs in den nächsten Jahren eine eigenständige Klinik mit 4 Stationen und 2 OP-Sälen sowie 2 Eingriffsräumen. Die Klinik wurde in das historische Gebäude der 1928 fertiggestellten Kinderklinik integriert, welche Stefan Engel, ein bekannter Pädiater der Weimarer Republik erbaut hatte.

Die Kinderchirurgische Klinik führte damals 70 Betten, wurde 1996 auf 55 Betten reduziert und hat heute 45 Betten. Hans Würtenberger baute eine eigenständige Intensivstation auf – die erste im pädiatrischen Bereich zum damaligen Zeitpunkt.

Sie stand und steht auch für die anderen operativen Fächer wie HNO, Kinderorthopädie, MKG, Augen und Neurochirurgie zur Verfügung. Die anderen 3 Stationen waren nach Altersgruppen gegliedert.

Hans Würtenberger brachte aus Bremen die Rehbein-Schule mit und baute das komplette Spektrum des damaligen Teilgebiets Kinderchirurgie auf: zu seinen „Steckenpferden" gehörte die Kinderurologie, die pädiatrische Neurochirurgie mit der Versorgung der Spina-bifida-Kinder, der Chirurgie der komplexen Fehlbildungen und die Traumatologie. In den ersten Jahren war Fritz Rehbein gelegentlich Gast im Dortmunder OP.

Die „Bremer Schule" wurde in Dortmund „werkgetreu" fortgesetzt, das galt für alle maßgeblichen OP-Techniken, aber auch für Visiten-Zeiten, Morgenbesprechungen und Sprechstunden. So lernten viele kinderchirurgische Fachärzte alles nach „Rehbein". Das hinderte Hans Würtenberger nicht, im Laufe der Zeit OP-Techniken zu ändern: so bei der Einführung der PENA-Technik 1988, dem Abschied von der DENNIS-BROWNE-Technik, dem Übergang vom KÜNTSCHER-NAGEL zur AO-Verplattung der Oberschenkelfrakturen.

Sein gutes Verhältnis zu Prof. Soekeland, Urologie oder Dr. Kramer, Unfallchirurgie erleichterte die Zusammenarbeit der Kinderchirurgie im Klinikum.

Auf seine Initiative hin entstand die Reihe der lokalen Fortbildungsveranstaltungen, die „Dortmunder Pädiatrischen Nachmittage". Bis heute sind jährlich 3 Mittwochs-Veranstaltungen einer breiten Themen-Palette aus der Kinderheilkunde, Kinderchirurgie, HNO, Augen, Orthopädie, Kinderanästhesie, Neurochirurgie, gewidmet. Erwähnenswert auch die langanhaltende Tradition von Fortbildungen für Kinderkrankenschwestern und Hebammen – wobei diese Veranstaltungen sehr früh dadurch auffielen, dass viele Vorträge von Pflegenden selbst gehalten wurden.

Hans Würtenbergers Blick ging auch aus der Klinik hinaus in die Stadt: am 25. März 1987 wurde mit seiner Hilfe die „Ärztliche Beratungsstelle gegen Vernachlässigung und Missbrauch von Kindern e.V." gegründet – wie in 10 anderen Städten von NRW - auf Anregung von Prof. Olbing , Essen nach holländischem Vorbild.

Während der Präsidentschaft von Prof. Heinz Singer, München  (1976 – 1979) war Hans Würtenberger Schriftführer im Vorstand unserer Fachgesellschaft.

1980 organisierte Hans Würtenberger den ersten selbständigen Jahreskongress der Gesellschaft für Kinderchirurgie in der Westfalenhalle Dortmund. (Die Zusammenarbeit mit der DGCH auf den Kongressen der Vorjahre hatte diesen Schritt veranlasst).

Ein Anliegen waren ihm auch die jährlich 2 x stattfindenden Treffen aller Kinderchirurgischen Kliniken aus Nordrhein-Westfalen: man lernte nicht nur die jeweils gastgebende Klinik kennen, sondern es fand auch ein kritischer Austausch statt, bei dem Verläufe mit „nicht so guten" Ergebnissen vorgestellt wurden. Außerdem trafen sich in diesem Rahmen die jeweiligen OP-Schwestern-Teams.

Im Mai 1993 beendete Hans Würtenberger seine berufliche Laufbahn und ging nach 27 Jahren Leitungstätigkeit in den verdienten Ruhestand. Allerdings unterbrach er diesen einige Wochen später, um den schwer erkrankten Walter Welte in Nürnberg für einige Zeit zu vertreten.

In der Deutschen Gesellschaft für Kinderchirurgie, bei den Schweizern und Österreichern war Hans Würtenberger beliebt und gern gesehener Gast bei Tagungen und Kongressen. Zu erwähnen wären hier freundschaftliche Beziehungen zu Hugo Sauer, Graz; Morger, St.Gallen; Pinter, Pecs; Kalicinski, Warschau; Boix-Ochoa, Barcelona sowie in Deutschland mit Walter Welte, Eva Heiming, Wolfgang Maier, Gerd von der Oelsnitz und Werner von Ekesparre.

Am 13. Dez. 2016 verstarb Dr. Hans Würtenberger im Alter von 88 Jahren nach einer kurzen Phase einer schweren Erkrankung. Am 5. Nov. 2016 konnte er noch die Jubiläumsveranstaltung zum 50-jährigen Bestehen der Dortmunder Kinderchirurgie mit einem eigenen Vortrag bereichern und diesen Tag sehr genießen. Mit seiner Gattin Dorothee trauern die Familien ihrer 4 Söhne mit 7 Enkelkindern und einem
Urenkel.

Seine früheren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter teilen diese Trauer und werden ihn mit seiner menschlichen Haltung in bleibender Erinnerung und in ihrem Herzen behalten!

Matthias Albrecht, Dortmund